Corona und die Folgen Teil 7

ZEIT WISSEN 3: Studienstandort Deutschland, Corona-Nothilfe für Studierende, Corona-Virus update Christian Dorsten und Sanda Ciesek, Corona Warn-App, Coronia und die Solidarität in der EU

+++ Während die Pandemie den internationalen Forscher- und Studierendenaustausch weltweit bremst, ist das Interesse am Studienstandort Deutschland weitgehend stabil. Knapp 60.000 Studierende aus dem Ausland wollen sich an einer deutschen Hochschule einschreiben, melden der DAAD und der Verein Uni-Assist, der für rund 180 Hochschulen die Bewerbungen internationaler Studierender prüft. Damit sank die Zahl der Bewerbungen im Vergleich zum Vorjahr nur um 20 Prozent. Wie viele internationale Studierende sich im kommenden Wintersemester tatsächlich einschreiben, ist unklar. Das hängt unter anderem von den Corona-Reiseregeln ab. Eine im Juni vorgelegte DAAD-Umfrage (PDF) unter Hochschulen ergab, dass an mehr als jeder zehnten Hochschule (14 Prozent) „alle oder fast alle“ internationalen Studierenden ihr Studium nicht antreten konnten (Statista)

+++ In Deutschland wird die Corona-Nothilfe für Studierende zum politischen Dauerbrenner. Fordert der Freie Zusammenschluss von Student*innenschaften eine längerfristige Finanzhilfe für Studierende in der Pandemie, sezieren die Grünen im Bundestag das aktuelle Hilfsprogramm von der Oppositionsbank aus mit Anfragen an die zuständige Ressortchefin, Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Die jüngste Anfrage ergab: Immer weniger Studierende beantragen die Nothilfe (Redaktionsnetzwerk Deutschland). Rund 40.000 Anträge sind demnach im August gestellt worden, im Juli waren es 71.000 und im Juni mehr als 82.000. Sinkende Antragszahlen dürften „nicht zum Fehlschluss führen, die größte Not der Studierenden sei vorbei“, warnte der wissenschaftspolitische Sprecher der Gründen im Bundestag, Kai Gehring. Der „Bedarf an wirksamer Unterstützung“ sei „riesig und ungestillt“

Bildungsministerin Anja Karliczek im Visier der Kritiker: Die Grünen kritisieren sie dafür, dass die Anträge auf studentische Nothilfe rapide zurückgegangen und auch nie wirklich hoch waren. Das läge an dem Rahmen der ohnehin schwachen Studienfinanzierung. © Quelle: imago images/snapshot/IPON/RND Montage Behrens

+++ Das Coronavirus Update ist zurück aus der Sommerpause. Am Dienstag startete der preisgekrönte Podcast des Berliner Virologen Christian Drosten mit einer XXL-Folge. Die Sendung teilt sich Drosten künftig mit Sandra Ciesek. Zu hören sind die beiden im Wechsel. Ciesek ist Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Ihr Podcast-Debüt ist am kommenden Dienstag, ein Gespräch mit ihr findet sich auf Seite 34 im Ressort WISSEN der aktuellen Ausgabe

+++ Ein Baustein in der bundesdeutschen Pandemiebekämpfung ist die Corona-Warn-App. Nach holprigem Start verzeichnet das Robert-Koch-Institut für die App mittlerweile 17,8 Millionen Downloads. Die Mythen und Irrtümer aber halten sich. ZEIT Online ist einigen davon auf den Grund gegangen

+++ Die Pandemie ist ein Stresstest für den Zusammenhalt in Europa. Wie solidarisch sind die Mitglieder der Europäischen Union eigentlich? Der von der Stiftung Mercator geförderte [European Solidarity Tracker](https://www.ecfr.eu/solidaritytracker zeigt Anspruch und Wirklichkeit.

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+++ Vorteil Studium - Anja Karliczek frohlockte. „Die berufliche Bildung ist ein Karrieretreiber“, kommentierte die CDU-Bundesbildungsministerin am Dienstag, als die Industriestaatenvereinigung OECD ihren jährlichen Ländervergleich „Bildung auf einen Blick“ veröffentlichte.

Die von BMBF und Kultusministerkonferenz herausgegebene Pressemitteilung trug sogar den leicht pathetischen Titel: „Ein guter Tag für die berufliche Bildung.“ Tatsächlich bescheinigte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher der Bundesrepublik, das Berufsbildungssystem mit der dualen Ausbildung als Kern bleibe „Deutschlands große Stärke, denn insgesamt funktioniert die Abstimmung zwischen Bildung und Arbeitsmarkt gut und der Übergang ins Erwerbsleben klappt.“ Doch es gibt eben auch einen Arbeitsauftrag: „Deutschlands traditionsreiche Berufsbildung braucht Digitalisierung und Modernisierung – dann bleibt sie auch im 21. Jahrhundert stark“.

Deutschland hat eine im internationalen Vergleich äußerst niedrige Jugendarbeitslosigkeit. 88 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung hatten vergangenes Jahr einen Job. Das ist ein sehr guter Wert. Aber – wie die OECD zugleich betont – bei den Absolventen eines Studiums ist der Anteil exakt genauso hoch. Zusätzlich haben die Jungakademiker aber ein um zwei Drittel höheres Einkommen.

Das lässt Karliczeks auch gestern wiederholtes Mantra, „beide Wege – der berufliche oder der akademische – sind gleichwertige Wege mit Karrierechancen“, dann doch übertrieben klingen. Zumal Bildungsforscher immer wieder warnen, dass es in Zeiten eines grundlegenden technologischen Wandels – also jetzt – Menschen mit einer spezifischen Ausbildung deutlich schwerer fällt als Hochschulabsolventen, sich den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen. Worauf die OECD mit ihrer Warnung anspielt.

Die hohe Beschäftigungsquote und der extreme Einkommensvorteil von Hochschulabsolventen haben übrigens auch die starke Akademisierungswelle der vergangenen zehn Jahren überstanden: Von 2009 bis 2019 stieg der Anteil junger Hochschulabsolventen um fast acht Prozentpunkte auf 33 Prozent – während weniger junge Menschen eine Ausbildung machen wollten.

Und die Studienanfängerquote erreicht laut OECD-Definition zudem sogar 45 Prozent und nähert sich dem internationalen Schnitt (49 Prozent). Eine großartige Leistung und ein Kraftakt des Bildungssystems insgesamt genauso wie ganz speziell der Hochschulen.

Die noch passendere Überschrift über der Pressemitteilung hätte am Dienstag also womöglich „Ein guter Tag für die akademische Bildung“ gelautet. Doch das scheint derzeit nicht zur politischen Agenda im BMBF zu passen.

von Jan-Martin Wiarda

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