Corona und die Folgen Teil 14

ZEIT WISSEN 3: Pandemie bedroht Forscherkarrieren, Debatten zur No-Covid-Strategie, Warum wir so erschöpft sind, Bonner Erklärung

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+++ Das Coronavirus offenbart die Schwächen der Gesellschaft, setzt der Wirtschaft zu und eben auch der Wissenschaft. Das macht ein Positionspapier der Hochschulrektorenkonferenz deutlich, das eher einem Brandbrief gleicht. Die Pandemie bedrohe die Karrieren junger Forschender und stelle deshalb eine Gefahr für das gesamte Wissenschaftssystem dar, lautet die Botschaft. (…) Da es vor allem junge Forschende sind, die in Drittmittelprojekten beschäftigt sind, sind sie besonders stark von den Kürzungen betroffen. Doch auch wenn junge Forschende rein staatlich finanziert sind, stecken sie in Schwierigkeiten. Hygienekonzepte und Pandemie-Regeln lassen sie in ihrer Forschung nur schleppend vorankommen. Die Folge: Der wissenschaftliche Nachwuchs steckt pandemiebedingt länger in der Qualifizierungsrille fest, was wiederum die Chancen der nachrückenden Generation auf eine wissenschaftliche Laufbahn senkt. Standen junge Forschende schon vor der Pandemie unter hohem Zeitdruck, ist er in der Pandemie weiter gestiegen. Zusätzliche Anforderungen in der Lehre und familiäre Care-Arbeit lassen wenig Spielraum für den Aufbau internationaler Kontakte, die als Treibstoff für Karrieren gelten. Die Zustandsbeschreibung der HRK ist so bemerkenswert wie ihre Schlussfolgerung. So seien bei Personalentscheidungen „pandemiebedingte Beeinträchtigungen angemessen zu berücksichtigen“. In die „faire Leistungsbewertung“ müssten vor allem besondere familiäre Betreuungs- und Sorgeaufgaben einfließen. Setzen die Hochschulrektoren ihr Positionspapier um, könnte es einen Paradigmenwechsel einleiten und wegführen von einer Forschendenauswahl, in der Publikationen alles zählen. Um Karrierebrüche zu verhindern, nimmt die HRK auch Bund und Länder in die Pflicht und fordert Geld für die „Kompensation von Einnahmeausfällen“. Damit steigen die Hochschulen in den Verteilungskampf um staatliche Corona-Hilfen ein. Einen „Ersatzfinanzierungsfonds“ mit rund 400 Millionen Euro hat das BMBF für die Jahre 2020 und 2021 bereits eingerichtet.

+++ Der Lockdown wird bis 14. Februar verlängert. Schulen und Kitas bleiben zu. Das Recht auf Homeoffice wird erweitert, die Maskenpflicht verschärft (ZEIT Online). Bund und Länder ziehen im Kampf gegen Corona ein paar neue Register, lassen sich aber auf keinen Strategiewechsel ein, wie ihn eine Reihe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fordert. Ihr No-Covid-Plan (PDF) zielt darauf ab, Infektionen auf Null zu senken, virusfreie Zonen zu schaffen und neue Ausbrüche zu bekämpfen. Darüber wird unter dem Hashtag #ZeroCovid und in zahlreichen Medien gerade ausführlich diskutiert (Ärztezeitung, Spektrum der Wissenschaft, Bild der Frau). Die Debatte um den Strategieplan, den ZEIT Online am Montag als erstes veröffentlichte, zu verfolgen, lohnt sich nicht nur aus inhaltlichen Gründen. An dem Vorstoß und dem Diskurs zeigt sich ein Phänomen, das der Soziologe Peter Weingart erst zu Beginn dieser Woche in einem Beitrag für die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ als „Politisierung der wissenschaftlichen Diagnosen“ beschrieb. Derlei ist normal, so der Tenor des kompakten Aufsatzes. In ihm werden die Regeln, Prinzipien und Mechanismen wissenschaftlicher Politikberatung genauso beschrieben wie die Kriterien zur Auswahl von Experten. Außerdem bemerkenswert: „Wissenschaftliche Informationen werden eher geglaubt, wenn sie die eigenen Überzeugungen bestätigen“, schreibt Weingart.

+++ Die Corona-Krise kostet Kraft, Nerven und soziales Seelenheil. Aber sie zeigt auch, was wir wirklich brauchen. von Christine Lemke-Matwey erschienen in DIE ZEIT Nr. 4/2021, 21. Januar 2021: Pünktlich zum Jahresbeginn schwinden die Kräfte. Und das berichten keineswegs nur diejenigen, die jedes Recht haben, abgekämpft, ausgelaugt und erschöpft zu sein: Intensivmediziner und -pflegekräfte, Alleinerziehende im Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling, Musiker, Gastronomen und Skiliftbetreiber im Shutdown, Arme, Obdachlose oder Hochbetagte. Erschöpft sind irgendwie alle, auch die mit den sicheren Jobs und den großen Wohnungen. Erschöpft, zu einer stumpfen Müdigkeit und Mattigkeit verdammt scheint die ganze flirrende, am Siedepunkt ihrer selbst operierende Hochleistungsgesellschaft zu sein. Ein Burn-out ex negativo, wenn man so will, Überforderung durch reale Abwesenheit. “Corona-Mehltau”, sagt der Soziologe Hartmut Rosa, liege auf der Gesellschaft. weiterlesen in der ZEIT

+++ Bonner Erklärung: Es fehlen noch Unterschriften Es sollte ein Leuchtturm der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sein: die Bonner Erklärung zur Freiheit der Forschung (PDF), unterschrieben von allen Forschungsministerinnen und -ministern der Europäischen Union nach ihrem Treffen am 20. Oktober. Doch bislang fehlen die Unterschriften von Dänemark, Finnland, Italien, Lettland, Luxemburg, Malta, Polen, Portugal, Schweden, Ungarn und Zypern, berichtet das Online-Portal Forschung und Lehre und beruft sich auf einen Sprecher des BMBF. Etwa ein Drittel der EU-Mitgliedstaaten hatte das Dokument im Oktober direkt vor Ort unterschrieben. Weitere folgten auf schriftlichem Weg. Da jedoch grundsätzlich alle EU-Mitgliedstaaten ihr Interesse signalisiert hätten, gehe das BMBF davon aus, dass auch die noch ausstehenden Unterschriften im Laufe der nächsten Wochen eingehen werden, heißt es weiter. In der Erklärung verpflichten sich die Unterzeichnenden, für Offenheit, Austausch, Exzellenz, Internationalität, Vielfalt, Gleichheit, Integrität, Neugier, Verantwortung und Reflexivität in der Wissenschaft einzutreten. Zudem wollen sie Freiheit und Sicherheit der einzelnen Personen in der Wissenschaft garantieren.